Predigt

"MEIN WILLE GESCHEHE!" - Kreuz & Quer vom 13.03.2022, Matthäus 26,36–46

Liebe Gemeinde!

Es ist schon viele Jahre her. Ich war noch ein kleiner Junge. Meine Eltern waren mit mir im Urlaub. Im gleichen Quartier war auch eine andere Familie untergebracht mit einem Jungen im gleichen Alter wie ich. Eines Tages machten die Erwachsenen eine Wanderung in die Umgebung. Die Kinder, also auch wir, durften nicht mitgehen. Wahrscheinlich dachte man: Das ist zu anstrengend für uns. Irgendwie passte uns das nicht. Wir schlichen uns aus dem Haus, ohne dass das Mädchen, das auf uns aufpassen sollte, das merkte. Wir machten uns auch auf den Weg in den Wald. Es kam, wie es kommen musste. Wir haben uns hoffnungslos verirrt. Von dem stolzen Gefühl der Freiheit keine Spur mehr. Mal heulte ich, mal mein Freund, mal alle beide. Wie froh waren wir, als wir ein junges Ehepaar trafen. Es hatte eine Wanderkarte dabei. Und es zeigte uns den richtigen Weg. Den gingen wir und stießen sogar noch auf unsere Eltern. Die brachten uns wieder zurück in unser Urlaubsquartier. 

Unser Verhalten war typisch menschlich. Wir wollen unser Leben selbst in die Hand nehmen. Anweisungen von anderen, und wenn sie noch so gut gemeint sind, folgen wir nicht, wenn sie uns nicht passen. Auch wenn wir keine kleinen Kinder mehr sind, können wir uns doch wie sie verhalten. Wir tun das, was wir wollen, auch wenn offensichtlich ist, dass das nicht gut gehen kann. Wir können uns wie zwei kleine sechsjährige Jungen verhalten, die unbedingt in einen Wald wollen, auch wenn sie sich dort nicht auskennen. 

Jesus war nicht so unvernünftig. Er wusste: Was wir selber wollen, das ist nicht immer gut und tut uns nicht immer gut. Es ist immer das Beste, wenn der Wille Gottes in unserem Leben geschieht. Im Vaterunser hat er seinen Jüngern und auch uns gelehrt: „Dein Wille geschehe.“ Und so lebte er auch. Auch in einer Situation, in der es für Jesus einfacher gewesen wäre, dass sein eigener Wille geschieht. Es war in der Nacht vor seiner Kreuzigung. Jesus ging mit seinen Jüngern in einen Garten. Der hieß Gethsemane. Der Evangelist Matthäus erzählt uns, was dann geschah: 

 

36 Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. 37 Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. 38 Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir! 39 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! 40 Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? 41 Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. 42 Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist's nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! 43 Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. 44 Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte. 45 Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. 46 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

 

Jesus weiß: Die Soldaten, die ihn verhaften, foltern und schließlich hinrichten werden, sind bereits unterwegs. Was soll er tun? Die Gelegenheit zur Flucht nutzen? Oder bleiben? Jesus betet: "Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!" (Markus 14,36)

Ich nehme an, wir wissen, wie die Geschichte weitergegangen ist. Jesus ist verhaftet und am nächsten Tag gekreuzigt worden. Es war der Wille Gottes, dass sein Sohn stirbt. Das klingt auf unsere modernen Ohren ziemlich schockierend und scheint alle Vorurteile zu bestätigen, die Menschen gegen das christliche Gottesbild haben: Dieser Gott meint es nicht gut mit uns. Er will uns nur unglücklich machen und das Leben vermiesen. Wir wollen keinen Gott, der uns weh tut. Wir wollen nicht leiden. Wir wollen, dass es uns gut geht. 

Niemand will gerne leiden. Das will ich auch nicht. Und Jesus auch nicht. Auch ihm erschien sein Schicksal hart. Er hätte sich lieber ein anderes gewünscht. Trotzdem vertraut er. Er möchte, dass der Wille Gottes in seinem Leben geschieht. Diese Entscheidung gab ihm wieder neue Kraft und Zuversicht. 

Jesus hätte seinen Kopf noch aus der Schlinge ziehen können. Er hätte sich vielleicht noch einen Spaß daraus machen können, seine Verfolger an der Nase herumzuführen. Wenn er gewollt hätte, hätte er nicht so jung sterben müssen. Er wäre alt geworden und in einem Bett gestorben. Doch er wollte nicht. Denn dann hätte sein Leben keinen Sinn gehabt. Er hätte am Willen Gottes vorbeigelebt. Es gäbe dann keinen Heiland, keinen Retter, der am Kreuz für die Sünden der Menschen gestorben wäre. Es gäbe dann auch keinen Auferstandenen, zu dem wir beten können und der uns beistehen kann. Lieber sterben als nicht den Willen Gottes tun, so dachte Jesus.

Wir sind nicht Jesus. Gott verlangt von uns nicht, für die Sünden anderer zu sterben. Dazu sind wir nicht geschaffen. Aber wir sind wie er dazu da, um nach dem Willen Gottes zu leben, - auch wenn es uns nicht passt. Wir können auch anders. Gott zwingt ja niemanden so zu leben, wie er es sich für uns gedacht hat. Wir können auch das tun, was uns gefällt. So ein Leben kann uns eine Menge Spaß bereiten. Aber wäre ein sinnloses Leben. Denn es hätte sich nur um uns gedreht. Es wäre ein egoistisches Leben, das sich nur um uns gedreht hätte, um unsere Triebe und Leidenschaften, um unseren Ehrgeiz und unser Erfolgsdenken. In diesem Leben würde das Entscheidende fehlen. . Das ist Gott. 

So ein Leben befriedigt uns auf die Dauer auch nicht. Wenn ich immer nur meinen Spaß haben will, dann ödet mich das irgendwann einmal an. Ich mag mir selber noch so ehrgeizige Ziele setzen und sie vielleicht auch erreichen. Aber selbst das wird mich nicht ausfüllen. Ich brauche immer mehr, immer mehr Spaß, Erfolg, Ruhm. Mit anderen Worten gesprochen: Das Drehen um das eigene Ich wird immer schneller, immer rasender - und immer unbefriedigender.

Der spätere Kirchenvater Augustin lebte lange Zeit so. Er genoß das Leben, war ein Playboy und machte auch Karriere. Aber je länger, je mehr, ödete ihn dieses Leben an. Er wurde Christ und fand den Frieden, den er suchte. In seiner Autobiographie schrieb er deshalb den Satz: "Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir, o Herr." 

Auch er entdeckte: Das Beste, was er tun kann, ist, das zu tun, was Gott will. Denn er meint es gut mit einem. 

Das gilt auch dir: Gott meint es gut mit dir. Du bist von ihm gewollt und geliebt. Er hat kein größeres Interesse daran, als dir eine Freude zu bereiten. Dazu hat er ja diese Welt geschaffen. Er will, dass du dich an all den guten Gaben seiner Schöpfung erfreust, dass du auch deine Gaben und Fähigkeiten, die er dir gegeben hat, einsetzt. 

Um dir Freude zu bereiten, hat er auch Jesus in diese Welt geschickt. Er ist für dich ans Kreuz gegangen, damit deine Schuld dir vergeben werden kann und damit du wieder in Verbindung mit Gott und seiner Liebe treten kannst. Dieser Gott, der so etwas für dich getan hat, kann es nur gut mit dir meinen. Aus eine ungeheuren Liebe heraus will er für dich nur dein Bestes. 

Das Beste, was du tun kannst, ist ein Leben mit diesem Gott zu führen. Mit so einem Gott, der dich mit seiner Vergebung, seiner Hilfe, seinem Trost, seiner Kraft und schließlich auch mit dem ewigen Leben beschenkt, lohnt es sich zu leben. Der meint es gut mit dir, und dessen Wille ist der Beste für dich. 

Das muss nicht immer das sein, was wir wollen: Denn wir denken in der Regel kurzsichtig. Wir wünschen uns etwas und wollen es dann unbedingt, ohne zu bedenken, was für Folgen unsere Wünsche haben. Oft wissen wir es auch nicht, weil wir nicht in die Zukunft blicken können. Aber Gott hat den Weitblick. Er weiß, was gut für uns ist, auch wenn wir vom Gegenteil überzeugt sind. Deshalb kann uns Gottes Wille manchmal hart und unverständlich vorkommen. Wir wissen ja nicht, welche wunderbaren Pläne für uns Gott in der Zukunft noch hat. 

Wir beten oft so: "Herr, gib mir dies, gib mir das. Mach es so. Hilf mir..." Wir wünschen uns gute Noten, eine gute Arbeitsstelle, einen Freund oder eine Frau, Gesundheit oder ein neues Auto. Und dann wundern wir uns, wenn Gott einmal unsere Gebete nicht erhört. Sicher dürfen wir um all diese Dinge beten. Selbst Jesus betet ja: "Nimm diesen Kelch von mir!" Er bittet seinen Vater, ihm das Kreuz zu ersparen. Jesus betet auch um die Veränderung seiner Situation, der Verhältnisse. Aber Jesu Gebet hat einen entscheidenden Nachsatz: "Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!" Das ist der entscheidende Punkt: Er schreibt Gott nicht vor. Er will Gott gehorsam sein.

Häufig wollen wir, dass Gott unsere Situation verändert. Gott will aber in erster Linie, dass sich unser Herz verändert. Machen wir es doch wie Jesus: "Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!"

Gott will das Beste für dich. Und du kannst auch seinen Willen erkennen, wie durch sein Wort, das du in der Bibel liest oder in einer Predigt hörst.

Für viele ist hilfreich, wenn sie erfahrene Christen um Rat fragen, wenn sie selber nicht wissen, was der Wille Gottes ist. Und manchmal kann ich einfach nur das tun, was mir vernünftig erscheint und darauf vertrauen, dass Gott falsche Wege verhindert. 

In wichtigen Lebenssituationen habe ich mich von Gott leiten lassen können. Ein Beispiel nur:

Ich war ja fast 10 Jahre Pfarrer im Landkreis „Nürnberger Land“. Unser Autokennzeichen dort war: LAU LZ 65. Ich habe mir diese Nummer so eingeprägt: LZ das heißt lange Zeit, am liebsten bis 65 Jahre, also bis zur Pensionierung. So wohl fühlte ich mich dort. Ich wollte nicht mehr von dieser Pfarrstelle fort, so gut gefiel es mir, auch meiner Frau und den Kindern dort. 

Doch Gott hatte andere Pläne. Ich wurde gebeten, mich um die Pfarrstelle Nikodemuskirche Bayreuth zu bewerben. Aber ich wollte nicht weg. Mir gefiel das Leben auf dem Land. Doch dann las eines Nachts, als ich nicht schlafen konnte, in einem Andachtsbuch das Bibelwort: „Gesegnet wirst du sein in der Stadt“ Und dazu schrieb der Autor dieses Andachtsbuches: „Wir würden vielleicht die Ruhe des Landlebens vorziehen, aber, wenn wir in die Stadt berufen werden, dürfen wir ihr sicherlich den Vorzug geben, weil sie Raum für unsere Tatkraft bietet.“ Das war für mich ein liebevoller Schubs Gottes in die richtige Richtung. Ich wollte nicht so recht nach Bayreuth. Doch Gott machte mir durch sein Wort, das ich las, klar: Aber ich will es! So wagte ich den Wechsel nach Bayreuth. Und es war gut so, privat wie beruflich. 

Ich möchte jedem unter uns Mut machen: Wer bereit ist, Gott zu gehorchen, dem wird Gott zeigen, was er zu tun und zu lassen hat. Wer nur den Willen Gottes tun möchte, der wird nicht ohne Antwort bleiben. 

Diesen Willen kannst Du auch erkennen. Ganz allgemein gesprochen kann ich ihn der Bibel entnehmen. Ich denke da an die zehn Gebote. Was ihnen widerspricht, kann nicht der Wille Gottes sein. In ganz bestimmten Situationen kannst du Gott bitten, dass er dir seinen Willen zeigt. Wie er dies tut, kann ganz verschieden sein. Manch einem ist durch eine Predigt klargeworden, was er zu tun und was er zu lassen hat. Ein anderer liest in der Bibel, und ein Wort, das er dort liest, spricht direkt zu ihm. Einen dritten spricht Gott direkt in seinen Gedanken an. Da wird zum Beispiel einem jungen Mann klar, dass er eine alte Frau besuchen soll. Es ist wie eine innerer Zwang. Und gehorcht auch. Er geht zu der Frau und es kommt zu einem guten Gespräch mit ihr. Da stellt sich heraus, dass die Frau darum gebetet hatte, dass Gott ihr einen Menschen schickt, der sie trösten kann. 

Natürlich: Wer gar nicht bereit ist, Gott zu gehorchen, dem wird Gott auch nicht zeigen, was er zu tun und zu lassen hat. Wer aber nur den Willen Gottes tun möchte, der wird nicht ohne Antwort bleiben. Vertraue ihm nur, dass er dich durch dieses Leben gut führt. Und habe keine Angst, dass er dir etwas zumutet, was du nicht aushältst. Er kennt dich doch. Und er weiß ganz genau, viel besser als du, was du ertragen kannst und was nicht. Er wird dich wunderbar führen und du wirst ihm einmal dafür danken, dass sein Wille in deinem Leben geschehen ist.

Es tut uns innerlich gut, wenn wir es akzeptieren können, dass Gott uns Grenzen setzt, dass er etwas anders macht, als wir es gerne hätten. Da kommt letzten Endes immer ein Segen dabei heraus – auch wenn wir es am Anfang überhaupt nicht begreifen konnten. 

Ich möchte uns allen heute ganz neu Mut machen, den Weg der Nachfolge Jesu wirklich zu gehen. Es ist kein leichter Weg, es geht einem nicht immer gut dabei. Und man kann sich dann auch fragen: Meint es Gott wirklich gut mit mir? Aber am Ende, zuletzt, merkt man: Es ist ein guter Weg, den Gott mich führt. Und vor allem: Er bringt mich an ein gutes Ziel, nämlich in sein wunderbares Reich. 

Wir machen auf diesem Weg auch Fehler, immer wieder. Wir tun doch das, was wir selber für richtig halten, ohne nach dem Willen Gottes zu fragen. Oder wir denken nur daran, was uns guttut und nicht dem anderen. Es gibt so viel egoistisches Handeln auch im Leben eines Christen. 

Doch Gott will immer wieder neu mit uns anfangen. Auch heute in diesem Gottesdienst.  Bei der Beichte können wir ihm unsere Schuld bekennen und dann die Vergebung glauben. Beim Abendmahl kommt er mit seiner Liebe zu uns. Wir brauchen sie nur herunterschlucken, uns von ihr beschenken zu lassen. 

Mit so einem Gott, der uns mit seiner Vergebung, seiner Hilfe, seinem Trost, seiner Kraft und schließlich auch mit dem ewigen Leben beschenkt, lohnt es sich zu leben. Der meint es gut mit uns, auch mit dir. 

 

Amen

© 2022 Dieter Opitz